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    Kleine Lektüre

Das stille Juradorf

von Margarete Gößmann


In der Oberpfalz, nahe bei Mittelfranken, gibt es eine Gegend mit sehr kargem Boden. Nur eine sehr dünne Humusschicht liegt über dem Juragestein. Kiefern, Disteln und Wacholder wachsen dort und die Einwohner der dünn besiedelten Gegend, die im Sprachgebrauch auch Steinpfalz genannt wird, müssen sich plagen, um den Boden die nötigen und dürftigen Nahrungsmittel abzuringen. Bei jedem Bearbeiten des Bodens lesen sie sie freiliegenden Steine aus den Äckern. Ganze Wälle türmen sich im Lauf der Zeiten um die Felder. Aber die Steine im Boden werden nicht weniger. Der Boden hat auch seine Einwohner gebildet und geformt, sie sind hart, anspruchslos, abgearbeitet und wortkarg.
 
 
In dieser Gegend in etwa 500 m Höhe, abgeschieden von größeren Orten, eine Stunde Fußmarsch von der nächsten Bahnstation entfernt, liegt ein kleines Juradörfchen mit der einzigen katholischen Kirche in der Umgebung. In der Zeit des 1. Weltkrieges, als noch keine Omnibuslinien die ländlichen Bezirke verbanden, war dort, da Konfessionsschulen gang und gebe waren, eine katholische Schule. Nur 6 Familien waren katholisch; zu deren Kinder kamen aus der Umgebung die Schüler und Schülerinnen und mussten täglich bis zu 1 Stunde Fußmärsche zurücklegen um zur Schule und sonntags zum Gottesdienst in die Kirche zu kommen.
 
 
Die seinerzeit 7 klassige Schule bestand aus insgesamt 28 – 30 Kindern. In dieses Dorf wurde kurz nach Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 meine Schwester im Alter von 19 Jahren als geprüfte Lehramtskandidatin versetzt. In dem Schulhaus war neben den Schulräumen die Wohnung der Lehrkraft, kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser. In einer Zisterne wurde das Regenwasser aufgefangen, dabei wurde viel Schmutz und Unrat mit hinein-geschwemmt. Mir blieb es unbegreiflich, wie man 28  bis 30 Kinder aus 7 Klassen gleich-zeitig unterrichtet, beschäftigt und Fortschritte erzielt. Meine Schwester, wie auch ihre Vorgänger, brachte es fertig, die Ergebnisse waren nicht schlecht. Schwierig war die Verpflegung einer unverheirateten Lehrkraft. Um die auswärtigen Schüler nicht zulange von zuhause weg zu holen, wurde mittags nur 1 Stunde Pause vorgesehen. Das einzige Gasthaus bot nur schlecht gepflegtes Bier in schlecht gereinigten Gläsern an, essen konnte man dort in keiner Form. Zum Glück bot die Nachbarin, eine ältere Witwe, meiner Schwester an, dort mitzuessen. Zum Essen versammelte sich die ganze Belegschaft, Bäuerin, Großknecht, Großmagd, Kleinknecht und Kleinmagd um aus einer großen Messingpfanne eine Art Sauermilch gemeinsam herauszulöffeln. Dann wurden Pellkartoffeln auf die ehemals weiße Leinendecke geschüttet. Die Kartoffeln wurden mit dem Taschenmesser geschält, die Schalen blieben auf der Decke liegen. Dazu gab es meist Sauerkraut, das aus einer Messingschüssel löffelweise entnommen und mit Kartoffelstücke gegessen wurde. Nach dem Essen  wurden die Schalen in einen Topf geschüttet; die Löffel wurden von der Magd, die vorher Stallarbeiten ausgeführt hatte, mit der Hand ausgewischt und kamen zusammen mit der schon steif gewordenen Tischdecke in die Schublade. Meiner Schwester wurde das Essen auf dem Nebentisch gesondert serviert. Fleisch gab es nur sehr selten und dann nur das selbstgeräuchte das in Folge des Alters meist sehr hart und gelb war.
 
 
Auch der Pfarre passte zu den Menschen dieses Dorfes, auch er war einfach, genügsam und hart gegen sich. Er hatte eine Haushälterin, die wegen ihres Alters nicht mehr viel arbeiten konnte. Der geistliche Herr musste einen großen Teil der Hausarbeiten selbst verrichten.
 
Seine Predigten waren schlicht und wiederholten sich im großen und ganzen wahrscheinlich jedes Jahr. Die Kirchenbesucher merkten es aber sicher nicht; den in dem kleinen Kirchlein schliefen die abgearbeiteten Männer und Frauen infolge der Wärme bald ein. Der Pfarrer, der auf seiner Kanzel hoch über dem Volk stand, ließ sich aber nicht beirren.
Nach der Predigt kam der Mesner mit dem Klingelbeutel. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass jeder Erwachsene 1 Pfg. gab. Hatte er nur größeres Geld, z.B. ein 5 Pfg. oder gar ein 10 Pfg Stück, so legte er es auf die Bank. Der Mesner griff in den Klingelbeutel und gab 4 bzw. 9 Pfg. heraus.
 
 
Ob mit dem sonntäglichen Opfergeld auch die Kirchenzählung verbunden war, entzieht sich meiner Kenntnis.
Ein Problem gab es, als mein Vater zum 1. Male auf der Empore neben meiner orgelspie-lenden Schwester saß und für den Klingelbeutel zwei 10 Pfg. Stücke hineinlegte. Der Mesner war überfordert; denn er wusste nicht, was er machen sollte. Ein10 Pfg. Stück wäre klar gewesen. Erst auf die bestimmte Aufforderung meines Vaters legte er beide Geldstücke in den Klingelbeutel. Als vor Weihnachten der Pfarrer klagte, dass bei der Weihnachtsmette kein Orgelspiel wäre, fuhr mein Vater mit meiner Schwester mit dem letzten Zug an Heilig Abend zur nächst gelegenen Bahnstation. Sie mussten sich dann entlang dem mit Schneezeichen markierten Weg im Licht einer Stallaterne den Weg nach dem stillen Juradorf bahnen. Sie brauchten  sicher 1 ˝  Std. Da es meinem Vater doch etwas unheimlich, trotz der Heiligen Nacht, war, nahm er einen Browning (Pistole) mit.
Gar so gefährlich war es aber nicht; denn die Patronen waren im Geldbeutel und der Revolver im Rucksack!! Die durchfrorenen Wanderer wurden vom Pfarrer mit einem, wenn auch leichten dafür aber heißen Punsch aufgewärmt und gestärkt. Die Mettenbesucher nahmen allerdings das Opfer der Lehrerin und ihres Vaters ziemlich selbstverständlich hin.
Um den in größerer Entfernung wohnenden Katholiken entgegenzukommen, wurde alle 14 Tage eine Messe in einer 1 Std. entfernten Simultankirche gehalten. Es war ein schönes aber eigenartiges Bild, wenn die 20 oder 30 Gottesdienstbesucher aus dem Juradorf mit ihrem Pfarrer lospilgerten und auf Fußwegen entlang von blühenden Wiesen, eilige Bächchen und lauschigen Wäldern dem evangelischen Kirchdorf  zueilten.
 
In den kalten und unfreundlichen  Jahreszeiten war der Weg sicher weniger idyllisch. Zum Knien waren die Bänke der eigentlich evangelischen Kirch allerdings schlecht geeignet. Der Weihwasserkessel wurde, nachdem die Protestanten das Gotteshaus verlassen hatten, schnell hingehängt. Der seinerzeit bei allen sonntäglichen, feierlichen Messen verwendete Weihrauch brachte etwas katholische Atmosphäre in den ziemlich nüchternen Raum.
 
Nach Ende des 1. Weltkrieges wurde meine Schwester nach Nürnberg versetzt. Bei Beginn des 2. Weltkrieges machte ich mit ihr an einem schönen Frühlingssonntag eine Wanderung in die beschriebene Gegend und wir nahmen uns vor, zum Schlusse des Ausfluges dem Pfarrer einen kurzen Besuch zu machen. Im benachbarten Dorf hielten wir Rast und stärkten uns; denn vom armen Jurapfarrer konnten wir keine Aufwartung erwarten. Wir klingelten im Pfarrhaus, der Pfarrer machte selbst auf und erstarrte.
 
Es dauerte einige peinliche Minuten bis er sich vom Schrecken erholt hatte und uns in sein Wohnzimmer führte. „Leider habe ich nichts da, um es Ihnen anbieten zu können”, sagte er und verschwand. Nach etwa ź  Stunde kam er und brachte 1 Flasche ungarischen Messwein, einen Teller feinsten geräucherten Fleisches und kräftiges Schwarzbrot. Es schmeckte uns ausgehungerten Stadtleuten köstlich und wir gingen nach einer sehr angeregten Plauderstunde, beschwingt durch den starken Ungarnwein zum Bahnhof. Ein oder zwei Jahre später machten meine Schwester und ich einen ähnlichen Ausflug, auch wieder mit dem Ziel, den Pfarrer zu besuchen. Wir vesperten diesmal aber nichts; denn der Pfarrer hatte doch nach seinen Begriffen nichts, gemeint war außergewöhnliches, das aber für uns köstlich war. Wir wurden diesmal freudig begrüßt und mit den Worten: „Heute habe ich etwas” in das Wohnzimmer geführt. Nach ź Std.  kam der Pfarre und brachte seine Gaben: Je eine Tasse Milchtee und zusammen für uns einen kleinen Teller braune Plätzchen. Die Unterhaltung war wieder sehr angeregt. Als wir das gastliche Pfarrhaus verlassen hatten, mussten wir hellauf lachen; denn diesmal mussten wir unseren nicht zu kleinen Hunger mit nach Hause nehmen. Ich habe diese Anekdote so ausführlich geschildert, weil sie den Unterschied der Begriffe von Stadt und Land, von gehobenen Wohlstand und kärglichem Lebensstil aufweist.
 
Heute sind die Wege zum Dorf asphaltierten Strassen gewichen, der elektrische Strom hat seinen Einzug gehalten, das Leitungswasser fließt in Küche und Stall. Ein sauberes Gasthaus, in dem sonntags im Sommer zwischen 50 und 80 Essen verkauft werden, ist ein Anziehungs-punkt für Freunde. Als Sehenswürdigkeit wird der frei stehende Backofen gezeigt, in dem der Wirt, wie jeder Dorfbewohner sein Brot in „grauer Vorzeit” selbst backte. Das Schulhaus aber ist leer und verfällt, denn die Kinder gehen jetzt in eine christliche Mittelpunktschule auswärts. Und der alte Pfarrer harrt in dem kleinen Friedhof neben der Kirche seiner Auferstehung entgegen.
 
 
Lehrerin Margarete Gößmann

 




 

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